Das Friedensforum Bonn hat 13 Fragen an die Kandidaten von CDU, SPD, FDP, Grünen, Linken, Volt und BSW in unserer Region gesendet. Ziel war es, herauszufinden, wie die Kandidaten und ihre Pateien wichtige Fragen zu Krieg und Frieden beantworten.
Infostand des FriedensForums Bonn, Samstag, 15.02.25, 14-16 Uhr, Martinsplatz
Bundestagswahl: Friedensfragen bleiben ohne Antworten
Das Friedensforum Bonn – der Zusammenschluss von 10 Bonner Friedensgruppen – hat alle Bundestagskandidaten aus den Wahlkreisen Bonn und Rhein-Sieg zu konkreten friedenspolitischen Themen befragt. Nur die Kandidaten der LINKEN und des BSW haben geantwortet. Die anderen verwiesen auf ihre Wahlprogramme oder antworteten gar nicht. „Diese Dialogverweigerung mit der Friedensbewegung ist skandalös“, so Karin Gierszewski vom Friedensforum Bonn.
Thematisiert wurden Fragen zur Bewerbung und Rekrutierung von Jugendlichen für die Bundeswehr sowie zur nuklearen Teilhabe und der Forderung eines Beitritts Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag. Weitere Fragen bezogen sich auf die für 2026 von Kanzler Scholz angekündigte Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen in Deutschland. Abschließend wollte das Friedensforum wissen, ob sich die Kandidaten im Bundestag für den neuen Aufbau eines Systems Gemeinsamer Sicherheit zwischen Ost und West einsetzen würden.
Die Kandidaten von BSW und der LINKEN stimmten den Forderungen der Friedensbewegung weitgehend zu. Von den anderen Kandidat*innen fehlen die Antworten. Die Wahlprogramme der Ampel-Parteien und von CDU/CSU sind teils unkonkret, teils den Forderungen der Friedensbewegung diametral entgegengesetzt. Das Friedensforum Bonn wird über die Kandidatenbefragung und die eigenen Positionen mit einem Infostand am Samstag, (15.2.) auf dem Martinsplatz von 14-16 Uhr informieren.
Das Friedensforum Bonn stellt an Sie folgende 13 Fragen:
Nur zwei Kandidaten ("Die Linke" und BSW) haben geantwortet. Hier gehr es zu ihren Antworten.
A) zum Thema: Minderjährige Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr
- Rekrutierung minderjähriger Soldatinnen und Soldaten
Deutschland ist immer noch eines von wenigen Ländern, das den internationalen 18-Jahre-Standard bei der Rekrutierung nicht einhält, während über 150 Länder der Welt dies tun. Die Bundeswehr hat seit 2011 fast 20.000 17-jährige Jungen und Mädchen für den Soldatendienst rekrutiert, im Jahr 2023 waren es 1.996 (davon 315 Mädchen), ein Anstieg von 13% gegenüber 2022. Musterungen und Vertragsgespräche über langjährige Soldatenverträge finden schon mit 16-jährigen statt.
Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages für die Anhebung des Bundeswehr-Rekrutierungsalters auf 18 Jahre einsetzen – wie es vom UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes und von der Kinderkommission des Deutschen Bundestages gefordert wird?
- Militärwerbung bei Minderjährigen
Die Bundeswehr wirbt mit teuren Kampagnen in den Sozialen Medien, auf Messen und Veranstaltungen bei Minderjährigen. Soldatinnen und Soldaten (Jugendoffiziere und Karriereberater) betreiben bei Schulbesuchen Imagewerbung für die Bundeswehr und präsentieren den Soldatenberuf als interessantes und spannendes Berufsfeld. Die dunkle Seite des Militärdienstes, nämlich dass es dabei um die Tötung anderer Menschen geht mit großer Gefahr für das eigene Leben, wird dabei in der Regel verschwiegen oder unzureichend thematisiert. Gleiches gilt für gedruckte Informations- und Werbematerialien der Bundeswehr.
Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages dafür einsetzen, dass Militärwerbung bei Minderjährigen gesetzlich verboten wird – wie es auch der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes und die Kinderkommission des Deutschen Bundestages fordern?
- „Bonner Appell“ zur Beendigung der Rekrutierung Jugendlicher
Das Friedensforum Bonn unterstützt das bundesweite Bündnis „Unter 18 nie! Keine Minderjährigen in der Bundeswehr“ (www.unter18nie.de) durch den „Bonner Appell“. Dieser „Bonner Appell“ fordert die Bonner Oberbürgermeisterin, den Rat der Stadt Bonn und die Bundestagsabgeordneten aus der UN-Stadt Bonn auf, Initiativen zu ergreifen zur Änderung der Gesetzeslage, welche bislang die gezielte Anwerbung Minderjähriger durch die Bundeswehr ermöglicht und insbesondere die Kommunen zur Herausgabe der Meldedaten ihrer sechzehn- und siebzehnjährigen Bürger an die Bundeswehr verpflichtet.
Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages dafür einsetzen, die Zielsetzungen des Bonner Appells zu verwirklichen?
B) zum Thema: UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV)
Am 22. Januar 2021 trat der UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) in Kraft. Der Vertrag verbietet den teilnehmenden Staaten Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und Einsatz von Kernwaffen, außerdem die Drohung damit. Bis zum 24. September 2024 haben 94 UN-Staaten den AVV unterzeichnet, 73 Staaten den Vertrag ratifiziert. Die „Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen“ (ICAN) als wichtigste zivilgesellschaftliche Organisation, die sich für den AVV einsetzt, wurde für diese Bemühungen 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
- Teilen Sie die Prämissen des AVV, dass der Einsatz von Atomwaffen den Prinzipien des internationalen humanitären Rechts und der Menschenrechtsabkommen widerspricht?
- Teilen Sie die Aussage des AVV zur Dringlichkeit, „eine nuklearwaffenfreie Welt zu erreichen und aufrecht zu erhalten, was ein globales öffentliches Gut von höchstem Rang ist und sowohl den nationalen als auch den kollektiven Sicherheitsinteressen dient“?
- Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages aktiv für einen Beitritt Deutschlands zum AVV einsetzen?
C) zum Thema: Nukleare Teilhabe
Das Konzept der nuklearen Teilhabe innerhalb der NATO sieht vor, dass Mitgliedstaaten ohne eigene Atomwaffen in die Zielplanung und in den Einsatz der Atomwaffen einbezogen werden. Konkret bedeutet dies für Deutschland, dass der Einsatz von US-Nuklearwaffen durch die Bundeswehr vom Fliegerhorst Büchel aus erfolgen würde.
- Können Sie vor dem Hintergrund der bekannten dramatischen Folgen eines Atomwaffeneinsatzes den Abwurf von Atombomben durch Soldaten der Bundeswehr politisch verantworten und mit Ihrem Gewissen vereinbaren?
- Befürworten Sie, trotz der völkerrechtlichen Bedenken (Atomwaffensperrvertrag) und auch der sicherheitspolitischen Bedenken (Damoklesschwert statt Schutzschirm) ein Festhalten an der nuklearen Teilhabe oder werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages für die Beendigung der deutschen nuklearen Teilhabe einsetzen?
D) zum Thema: Stationierung von US-Mittelstrecken-raketen in Deutschland im Jahr 2026
Bundeskanzler Scholz hat vor wenigen Wochen den Bundesbürgern überraschend und ohne vorherige öffentliche Debatte mitgeteilt, dass er mit US-Präsident Biden die Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen im Jahr 2026 in Deutschland vereinbart hat.
- Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestags angesichts der Tatsache, dass die Zusage einer Stationierung ohne Einbeziehung des Bundestags erfolgte, für eine parlamentarische Beratung und Beschlussfassung einsetzen?
- Werden Sie als Mitglied des Deutschen Bundestags diese Stationierungsvereinbarung politisch unterstützen und gegebenenfalls parlamentarisch mittragen oder werden Sie sich gegen diese Stationierungsvereinbarung aussprechen?
- Teilen Sie die Befürchtung vieler Menschen, dass mit der geplanten Stationierung von bis nach Russland reichenden Mittelstreckenraketen im Konfliktfall das atomare Risiko für Deutschland gravierend erhöht wird, insbesondere weil die Stationierung allein in Deutschland und nicht auch in anderen NATO-Ländern erfolgen soll?
- Im Gegensatz zum so genannten Doppelbeschluss der NATO in den 80er Jahren ist mit der jetzt geplanten Stationierung kein Abrüstungsangebot verbunden worden. Viele Menschen sehen darin eine neue Runde des Wettrüstens, die die Gefahr einer militärischen Eskalation erhöht.
Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestags für neue Abrüstungsverhandlungen und konkrete Abrüstungsschritte einsetzen?
- Michael Gorbatschow vertrat die Ansicht, dass Europa ein System gemeinsamer Sicherheit unter Einbeziehung aller Länder benötigt, weil sich umfassende Sicherheit nur im Miteinander und nicht im Gegeneinander erreichen lässt.
Stimmen Sie dieser sicherheitspolitischen Auffassung zu und werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestags für die Erreichung eines solchen Systems gemeinsamer Sicherheit einsetzen?
Die Antworten der Kandidaten von BSW (Raußendorf) und Die Linke (Repschläger)
1.) Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages für die Anhebung des Bundeswehr-Rekrutierungsalters auf 18 Jahre einsetzen?
Hanno von Raußendorf: Die Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage des BSW hat ergeben, dass im vergangenen Jahr jeder zehnte neue Rekrut minderjährig war. Demnach waren von den insgesamt mehr als 20.000 neuen Soldaten rund 2.200 bei Dienstantritt erst 17 Jahre alt. Der höchste Stand, seit diese Zahlen erhoben werden. Das ist ein Skandal und mit dem Geist des Fakultativprotokolls der Kinderrechtekonvention nicht vereinbar, das auch Deutschland unterzeichnet und ratifiziert hat. Hier bedarf es einer gesetzlichen Klarstellung: Auf keinen Fall dürfen junge Menschen rekrutiert werden, die jünger als 18 Jahre sind. Wir brauchen auch in Deutschland den "Straight-18-Standard", wie er in 150 Ländern dieser Welt bereits
praktiziert wird.
Jürgen Repschläger: Ja, eindeutig! Man ist mit 16 noch nicht voll geschäftsfähig, noch nicht voll strafmündig, aber fürs Töten soll man schon herangezogen werden. Ein Widerspruch.
2.) Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages dafür einsetzen, dass Militärwerbung bei Minderjährigen gesetzlich verboten wird?
Hanno von Raußendorf: Ja, auf jeden Fall. Kinder und Jugendliche dürfen nicht durch oft leider geschickt gemachte Werbung fürs Töten manipuliert werden. Deshalb will das BSW keine Militarisierung von Bildungseinrichtungen und fordern statt Werbung der Bundeswehr in Schulen, mehr friedenspädagogische Bildung. Die Bundeswehr hat – wie auch Konzernlobbyismus und Kommerz – an Schulen nichts verloren. Es bedarf mehr politischer Bildung, friedenspädagogischer Formate und Demokratiebildung in den Schulen aller Bundesländer.
Jürgen Repschläger: Wieder Ja! Und schon wieder ein Widerspruch, bzw. eine Bigotterie: Unsere Damen und Herren Regierungsmitglieder schimpfen über das manipulative TikTok, lassen aber Bundeswehrwerbung über TikTok an Minderjährige zu.
3.) Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages dafür einsetzen, die Zielsetzungen des „Bonner Appells zur Beendigung der Rekrutierung Jugendlicher“ zu verwirklichen?
Hanno von Raußendorf: Ja (s.o.) und ich würde mich – sollte das BSW bei der Kommunalwahl im Herbst in den Rat der Stadt Bonn einziehen, auch dafür einsetzen, dass unsere Fraktion im Rat Druck für die Ziele des Appells macht.
Jürgen Repschläger: So wie ich dem "Bonner Appell" im Stadtrat zustimme, so würde ich das natürlich auch im Bundestag tun.
4.) Teilen Sie die Prämissen des UN-Atomwaffenverbotsvertrags (AVV), dass der Einsatz von Atomwaffen den Prinzipien des internationalen humanitären Rechts und der Menschenrechtsabkommen widerspricht?
Hanno von Raußendorf: Ja, denn das internationale humanitäre Recht will die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Menschen regulieren und den Schutz von Zivilpersonen und Kombattanten gewährleisten. Atomwaffen sind Massenvernichtungswaffen und verursachen massenhaft Tod und Vernichtung. Sie sind in ihrer Tendenz unkontrollierbar. Ihr Einsatz birgt die große Gefahr der Eskalation jedes Konflikts. Atomwaffen töten unterschiedslos Zivilisten und Kombattanten in einem großen Gebiet. Ein Eckpfeiler des humanitären Völkerrechts ist aber das so genannte Unterscheidungsgebot. Es verpflichtet die an einem bewaffneten Konflikt beteiligten Parteien, jederzeit zwischen der Zivilbevölkerung und Kombattanten, sowie zwischen zivilen Objekten und militärischen Zielen zu unterscheiden. Darüber hinaus stehen Atomwaffen im Widerspruch zu den Menschenrechtsabkommen, die das Recht auf Leben und die Würde des Menschen schützen. Die verheerenden humanitären Folgen eines Atomwaffeneinsatzes, sind mit diesen grundlegenden Menschenrechten unvereinbar.
Jürgen Repschläger: Ja!
5.) Teilen Sie die Aussage des AVV, dass das Erreichen einer nuklearwaffenfreien Welt sowohl den nationalen als auch den kollektiven Sicherheitsinteressen dient?
Hanno von Raußendorf: Eine nuklearfreie Welt zu schaffen ist dringlicher denn jemals, seit es diese Waffen gibt. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, die mit zunehmenden Spannungen und Konflikten verbunden ist, welche immer häufiger in Krieg und Gewalt münden. Die Ära der globalen Hegemonie des Westens ist vorbei, der Ukraine-Krieg und die westliche Reaktion darauf haben ihr Ende beschleunigt. Die Vereinigten Staaten sind eine absteigende Supermacht und kämpfen zunehmend blindwütig um ihren verbleibenden Einfluss in der Welt. Die Europäische Union macht bisher keine Anstalten, dem eine eigene, ausgleichende Politik entgegenzusetzen, beteiligt sich ganz im Gegenteil, am allgemeinen Wettrüsten. China strebt als aufstrebende Wirtschaftsmacht nach globalem Einfluss und führt das zunehmend selbstbewusste BRICS-Bündnis an. Der Kampf um Einflusszonen, um Rohstoffe und Absatzmärkte wird von allen Seiten zunehmend auch mit militärischen Mitteln geführt. Neben immer mehr Stellvertreter-Kriegen erleben wir die dramatisch ansteigende Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Atommächten. Sie ist so groß wie vielleicht noch nie in der Geschichte der Menschheit und sei es nur wegen der Möglichkeit eines Missverständnisses oder eines Computerfehlers. Diese gefährliche Entwicklung wollen wir stoppen und setzen ihr eine Politik des friedlichen Ausgleichs der Interessen in einer multipolaren Welt entgegen. Nukleare Abrüstung ist so dringend wie nie.
Jürgen Repschläger: Ja!
6.) Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages aktiv für einen Beitritt Deutschlands zum AVV einsetzen?
Hanno von Raußendorf: Der AVV ist sicher ein großer Fortschritt. So lange ihm aber alle Atommächte und De-Facto Atommächte fernbleiben, wird seine Reichweite begrenzt bleiben. Deutschland hat sich im Rahmen der so genannten Nuklearen Teilhabe verpflichtet, die Last und das Risiko der nuklearen Abschreckung gemeinsam mit den USA zu tragen. Diese Nukleare Teilhabe muss beendet werden (s.u.). Stattdessen muss Deutschland dem AVV beitreten.
Jürgen Repschläger: Ja!
7.) Können Sie den Abwurf von Atombomben durch Soldaten der Bundeswehr („atomare Teilhabe“) politisch verantworten und mit Ihrem Gewissen vereinbaren?
Hanno von Raußendorf: Ich werde niemals den Abwurf einer Atombombe verantworten und könnte das auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.
8.) Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestages für die Beendigung der deutschen nuklearen Teilhabe einsetzen?
Hanno von Raußendorf: Ja, denn Deutschland ist ein Nicht-Atomwaffenstaat gemäß dem Atomwaffensperrvertrag. Es hat sich verpflichtet, keine Atomwaffen zu entwickeln oder zu besitzen. Die Nukleare Teilhabe Deutschlands, die die Stationierung von US-Atomwaffen
auf deutschem Boden und die Möglichkeit ihrer Nutzung durch deutsche Streitkräfte umfasst, bezieht unser Land in die Zielplanung und in den Einsatz der stationierten Atomwaffen ein. Das höhlt unsere Verpflichtungen als Nicht-Atomwaffenstaat aus. Die Nukleare Teilhabe muss beendet werden und diese Waffen müssen aus Deutschland abgezogen werden. Sie sind für die Sicherheit unseres Landes eine zusätzliche Bedrohung. In einer zunehmend kriegerischen Welt, machen sie uns zum potentiellen Ziel eines nuklearen Präventivschlags.
Jürgen Repschläger: Ich sage es ganz allgemein: Ich bin strikt gegen jede Nutzung von Atomenergie, sei es für die militärische oder für den sogenannte zivile Nutzung.
9.) Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestags angesichts der Tatsache, dass die Zusage einer Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland ohne Einbeziehung des Bundestags erfolgte, für eine parlamentarische Beratung und Beschlussfassung einsetzen?
Hanno von Raußendorf: Die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden, die Bundeskanzler Scholz ohne irgendeine Debatte, am Rande eines NATO-Gipfels abgesegnet hat und die das nukleare Risiko für uns enorm erhöht, lehnt das BSW entschieden ab. Wir fordern die strikte Einhaltung der im Zwei-plus-Vier-Vertrag getroffenen Vereinbarungen bzgl. der Raketenstationierungen. Laut Umfragen lehnt eine relative Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland die Stationierung der US-Raketen ab, in Ostdeutschland sogar 74 Prozent. Das BSW hat einen Antrag in den Bundestag eingebracht, in dem wir eine Volksbefragung über die US-Raketenstationierung fordern (20/12636). Ferner hat das BSW die Bundesregierung in einem Antrag aufgefordert, unverzüglich ihre Zustimmung zu dem Stationierungsabkommen mit der US-Regierung zurückzuziehen. Stoppen soll die Bundesregierung auch ihre Beteiligung an der ELSA-Initiative (European Long Strike Approach), mit der Deutschland, Frankreich, Italien und Polen ein europäisches Mittelstreckenwaffen-Programm auf den Weg bringen wollen, das die US-amerikanische Präsenz in Europa ergänzen soll (20/12812).
10.) Werden Sie als Mitglied des Deutschen Bundestags gegen diese Stationierungsvereinbarung aussprechen?
Hanno von Raußendorf: Die drei Waffensysteme, die 2026 – erstmals seit Inkrafttreten des 1987 unterzeichneten und von der US-Regierung im Februar 2019 aufgekündigten INF-Vertrags – stationiert werden sollen, können bis Russland reichen und sind teilweise nuklear bestückbar. Zusicherungen, dies nicht zu tun, sind auch nicht mehr wert als vergleichbare Zusicherungen in der Vergangenheit. Schon die Ankündigung der Stationierung birgt erhebliche Eskalations- und damit Sicherheitsrisiken. Die aktuellen Stationierungspläne destabilisieren das strategische Gleichgewicht zwischen Russland und den USA bzw. der NATO erheblich. Dies gilt insbesondere für die angekündigte Stationierung von US-Hyperschallraketen, die aufgrund ihrer kurzen Flugdauer und der dadurch drastisch reduzierten Vorwarnzeit auch mit modernen Abwehrsystemen fast nicht mehr abzuwehren sind. Aus Russischer Sicht bedeutet dies die Bedrohung durch einen US-amerikanischen Enthauptungsschlag auf die politische Führung oder zentrale militärische (auch nukleare) Infrastrukturen. Ich spreche mich daher gegen das Stationierungsabkommen aus und würde das auch im Bundestag tun.
Jürgen Repschläger: Ich werde mich immer und unter allem Umständen gegen die (zusätzliche) Stationierung von Mittelstreckenraketen einsetzen.
11.) Teilen Sie die Befürchtung, dass die Stationierung von bis nach Russland reichenden Mittelstreckenraketen allein in Deutschland und nicht auch in anderen NATO-Ländern das atomare Risiko für Deutschland gravierend erhöhen wird?
Hanno von Raußendorf: Ich teile diese Befürchtung (s.o.).
12.) Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestags für neue Abrüstungsverhandlungen und konkrete Abrüstungsschritte einsetzen?
Hanno von Raußendorf: In ihrem Antrag (20/12812) (s.o.) setzt sich die Gruppe BSW dafür ein, „umgehend eine Verhandlungsinitiative zwischen den Nato-Staaten und Russland zu initiieren, um die gekündigten Abrüstungs- und Beschränkungsverträge für atomare und konventionelle Waffen- und Trägersysteme unverzüglich zu reaktivieren, so dass ein Atomkrieg aus Versehen oder aufgrund technischer Fehler auszuschließen ist“. Dieses Engagement würde ich im Bundestag fortführen.
Jürgen Repschläger: Ob das Abrüstungsangebot beim sog. Nato-Doppelbeschluss ernst gemeint war, sei mal dahingestellt. Natürlich werde ich mich für Abrüstungsverhandlungen einsetzen. Wer wirklich und ehrlich Abrüstung will, sollte als ersten Schritt seine eigenen Waffenexporte einstellen.
13.) Michael Gorbatschow propagierte den Gedanken, dass umfassende Sicherheit sich nur im Miteinander und nicht im Gegeneinander erreichen lässt und deshalb ein System gemeinsamer Sicherheit unter Einbeziehung aller Länder geschaffen werden müsse. Werden Sie sich als Mitglied des Deutschen Bundestags für die Realisierung dieser Idee einsetzen?
Hanno von Raußendorf: Eine Sicherheitsarchitektur Europas, die auch Russland einbezieht – „unser gemeinsames Haus Europa“ in den Worten von Michail Gorbatschow – vertrete ich seit vielen Jahren. Lange hat auch Russland auf diesen Weg gesetzt, ist aber vom Westen zurückgewiesen worden. Das war ein großer Fehler. Zu einem Krieg in der Ukraine wäre es mit so einem System der gemeinsamen Sicherheit nie gekommen. Nun ist es ein langer Weg geworden zu einer stabilen Friedensordnung. Er muss mit Frieden in der Ukraine beginnen. Der Krieg in der Ukraine hätte nie beginnen dürfen und er hätte schon kurz nach seinem Beginn wieder beendet werden könne. Nun ist er fast drei Jahre alt und der Westen hat nicht eine ernsthafte Friedensinitiative versucht. Trotz allem bleibe ich überzeugt davon, dass Frieden in der Ukraine möglich und auch dringend nötig ist. Nach einer Beendigung der Kampfhandlungen muss damit begonnen werden, verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen. Nur so lässt sich ein neuerliches Wettrüsten vermeiden und eine belastbare Friedensordnung in Europa für die Zukunft aufbauen.
Jürgen Repschläger: Ja, dieser Einschätzung von Gorbatschow stimme ich zu.