Stellungnahme des Friedensforums zur ekd-Denkschrift

Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen.

Sehr geehrter Herr Wenzel,

wir vom FriedensForum Bonn, einem Zusammenschluss lokaler Bonner Friedensgruppen, sind Ihrer Aufforderung gefolgt, uns eingehender mit Ihrer Denkschrift zu befassen. Unser Entsetzen über Ihre kriegsertüchtigende Flankierung neoliberaler Politik ist dabei nur größer geworden. Hier einige Details:

Das Primat der Gewaltfreiheit: Dabei sollte nicht nur die Kirche aber ganz besonders die Kirche bleiben. Denn gerade der Ukrainekrieg zeigt, dass „Gegengewalt“ – wie Sie sie befürworten – auf gar keinen Fall einen Schutz vor Gewalt bietet, nicht für das Militärpersonal und schon gar nicht für die Zivilbevölkerung. Tausende von Menschen wurden getötet, verletzt, traumatisiert – von den Zerstörungen ganz zu schweigen. Und es geht weiter. Ohne ausländische Waffenlieferungen, die in Ihrer Denkschrift befürwortet werden, wäre der Krieg schon längst durch Verhandlungen beendet worden–bekanntlich ist schon ganz zu Anfang des Krieges eine unterschriftsreife Verhandlungslösung erarbeitet worden, die dann zugunsten westlicher Waffenlieferungen gestoppt wurde.

Wahrscheinlich wird am Ende des Krieges, der dann doch auf dem Verhandlungsweg beendet werden wird, all das zerstört sein, worum immer noch so erbittert gekämpft wird.

Und, glaubt die EKD wirklich, dass ein jahrelang geführter Krieg am Ende zu Frieden in den Seelen führt? Wir sehen eher, dass Verbitterung und Rachegefühle stetig gewachsen sind.

Ihrer Logik nach hat ja nun der Iran jede Berechtigung, sich mit Waffengewalt gegen die US-amerikanischen und israelischen Bomben zur Wehr zu setzen. Finden Sie wirklich, das ist ein gelungener Weg?

Eine „Not“, wie Sie es schreiben, zu militärischer Gewalt ist nirgends erkennbar.  Eine „präventive militärische Reaktion“ wie Sie sie als „letztes Mittel zum Schutz der eigenen Bevölkerung für ethisch vertretbar“ halten, ist per Definitionem keine “Re“aktion sondern eine Aktion, nämlich ein Angriff nur umgedeutet. Gerade in den aktuellen Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten sehen wir, wie nah Angriff und Verteidigung beieinander liegen und ineinander übergehen.

Und dann zu den Atomwaffen: Wie können Atomwaffen notwendig sein? Weshalb gibt es denn den auch von Deutschland unterzeichneten Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, auch Atomwaffensperrvertrag genannt? Der Beitritt Deutschlands zum seit 5 Jahren gültigen Atomwaffenverbotsvertrag ist dringend geboten! Wie bei den Mittelstreckenwaffen gilt auch hier: Die EKD will sich doch wohl nicht schuldig machen, dass Deutschland zum erstrangigen Angriffsziel in einem Spannungsfall wird! Was soll das denn für eine „gestärkte Verhandlungsposition“ gegenüber Atommächten sein?

Nur ein Ausgleich von Interessen im Rahmen von Verhandlungen kann das Töten, die Gewalt stoppen und die Voraussetzung für ein friedvolles Miteinander ohne Rachegedanken schaffen. Warum also nicht schon vor kriegerischen Handlungen den Interessenausgleich suchen? Der Ukrainekrieg hat Ursachen. Die Einkreisung Russlands mit Raketen, die Erweiterung der NATO bis an die Grenzen Russlands, die Verweigerung einer gemeinsamen Sicherheitsstrategie mit Russland sind wichtige Ursachen dieses Krieges.  Wo bleibt Ihre Forderung nach Bildung einer aufgeklärten Bevölkerung, wenn Sie diese Zusammenhänge ignorieren?

Wenn Sie Ursachen und Zusammenhänge nicht sehen wollen, erscheint jeder Krieg aus einer diffusen „Unordnung“ entstanden zu sein.

Ihre Denkschrift begleitet eine Politik, die keinen zivilen Entwicklungspfad mehr formulieren kann und die sich weigert, eine ökologische Transformation einzuleiten..

Unter Ihrer moralisierenden Zustimmung wird das von der Bevölkerung erarbeitete Steuergeld für spannungsfördernde Rüstung verschleudert und der Klimawandel wird beschleunigt.

In Ihrer Denkschrift vermissen wir, dass Sie sich stattdessen konsequent für den Erhalt der Werke Gottes einsetzen, ressourcenverschwendende Waffenproduktion ächten, die Zerstörung der Welt anprangern und zum Erhalt der Schöpfung aufrufen.

Mit freundlichen Grüßen

Karin Gierszewski & Joachim Osinski

www.friedensforum-bonn.de